„Frieden finden“, ohne alles schönzureden
Wenn ein Elternteil stirbt, endet nicht automatisch alles, was zwischen diesem Menschen und uns gewesen ist. Manchmal beginnt danach sogar eine Zeit, in der alte Erinnerungen besonders deutlich werden. Man denkt über die eigene Kindheit nach, über schöne gemeinsame Momente, aber auch über Enttäuschungen, Verletzungen und Dinge, die nie ausgesprochen wurden.
Was dabei schwierig sein kann: Der Tod lässt keine Möglichkeit mehr, etwas zu klären. Kein Gespräch mehr. Keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Keine Chance, eine alte Beziehung noch einmal neu zu beginnen. Das macht das „Frieden finden“ einiges schwieriger.
Besonders nach einer schwierigen Eltern-Kind-Beziehung kann das sehr belastend sein. Man trauert dann vielleicht nicht nur um den Menschen, der gestorben ist. Man trauert auch um das, was zwischen Eltern und Kind niemals so geworden ist, wie man es sich gewünscht hätte.
Wenn neben der Trauer auch Wut da ist
Nach dem Tod eines Angehörigen erwarten viele Menschen Trauer. Sie erwarten vielleicht auch, dass man sich irgendwann an die schönen Seiten erinnert und Frieden mit dem Verstorbenen findet.
Doch was ist, wenn zuerst etwas ganz anderes kommt?
Wut. Frust. Enttäuschung. Vielleicht sogar Erleichterung. Diese Gefühle machen einen nicht zu einem schlechten Sohn oder einer schlechten Tochter.
Man kann einen Menschen vermissen und gleichzeitig wütend auf ihn sein. Man kann sich an schöne Zeiten erinnern und trotzdem wissen, dass es auch sehr schwierige Seiten gab.
Beides darf nebeneinander bestehen. Wir müssen einen verstorbenen Menschen nicht nachträglich zu einem besseren Menschen machen, damit wir um ihn trauern dürfen.
Der Tod verändert die Vergangenheit nicht
Manchmal gibt es nach einem Todesfall den Wunsch, nun endlich alles hinter sich zu lassen. „Jetzt ist es doch vorbei.“ Aber so funktioniert unsere persönliche Geschichte nicht. So funktioniert unser Unterbewusstsein nicht. Was früher verletzt hat, bleibt zunächst Teil unserer Erinnerung. Der Tod macht eine schwierige Kindheit nicht ungeschehen. Er macht alte Enttäuschungen nicht kleiner und verwandelt eine schwierige Mutter oder Vater nicht rückwirkend in den liebevollen Elternteil, den man sich vielleicht gewünscht hätte.
Frieden zu finden bedeutet deshalb nicht, die Vergangenheit umzuschreiben. Es bedeutet eher, sie so anzunehmen, wie sie gewesen ist.
Mit ihren guten Seiten. Mit ihren schwierigen Seiten. Dem, was man bekommen hat. Und mit dem, was gefehlt hat.
Vielleicht trauern wir auch um das, was nie war
Eine besondere Form von Trauer entsteht, wenn mit dem Tod die letzte Hoffnung stirbt, dass sich eine Beziehung noch verändern könnte. Vielleicht hat man viele Jahre gehofft, irgendwann doch noch Anerkennung zu bekommen. Oder ein ehrliches Gespräch. Eine Entschuldigung, mehr Nähe. Und das Gefühl, als Sohn oder Tochter wirklich gesehen zu werden.
Solange der andere lebt, bleibt zumindest die Möglichkeit offen. Mit seinem Tod ist diese Möglichkeit vorbei. Das kann sehr schmerzhaft sein. Man trauert dann nicht nur um einen Menschen, sondern auch um eine Beziehung, die man sich anders gewünscht hätte. Auch dafür darf Trauer Raum bekommen.
Vergeben ist keine Pflicht
Der Begriff „Vergebung“ wird im Zusammenhang mit schwierigen Beziehungen häufig verwendet. Doch niemand muss vergeben, bevor er inneren Frieden finden kann. Vielleicht ist Vergebung für manche Menschen hilfreich. Für andere fühlt sich dieses Wort überhaupt nicht richtig an.
Manchmal reicht zunächst ein anderer Gedanke:
„Es war so, wie es war. Ich kann es nicht mehr verändern.“ Das ist keine Zustimmung zu dem, was geschehen ist. Und es bedeutet auch nicht, dass alles in Ordnung war. Es bedeutet lediglich, dass man aufhört, gegen eine Vergangenheit anzukämpfen, die sich nicht mehr verändern lässt.
Wir dürfen einen Menschen als Ganzes sehen
Wenn die erste Wut etwas nachlässt, kann sich manchmal ein differenzierterer Blick entwickeln. Vielleicht war die Mutter nicht nur schwierig. Vielleicht, oder ganz sicher, war sie auch selbst ein Mensch mit eigenen Ängsten, Bedürfnissen und Grenzen. Und mit ihren eigenen Tramata und Erlebnissen.
Vielleicht hatte sie Fähigkeiten und Eigenschaften, die man durchaus schätzen konnte. Vielleicht war sie eine gute Großmutter, auch wenn sie als Mutter vieles nicht geben konnte.
Vielleicht gab es gemeinsame Momente, an die man sich gerne erinnert. Das bedeutet nicht, dass die schwierigen Seiten verschwinden. Es bedeutet nur, dass ein Mensch mehr ist als seine Fehler. Und vielleicht können wir irgendwann beides sehen. Nicht: „Sie war eigentlich gar nicht so schlimm.“
Sondern:
„Sie hatte gute Seiten und sie hatte schwierige Seiten. Sie hat mich verletzt. Doch sie hat mir auch Dinge mitgegeben. Und alles davon gehört zu unserer Geschichte.“ Das ist etwas anderes als Schönreden.
Der Groll darf irgendwann leichter werden
Groll kann eine wichtige Funktion haben. Er kann uns zeigen, dass etwas nicht in Ordnung war. Und kann uns helfen, unsere eigenen Grenzen zu erkennen. Nach einer langen schwierigen Beziehung kann die Wut sogar notwendig sein, bevor man überhaupt anfangen kann, sich innerlich zu lösen.
Aber irgendwann kann die Frage auftauchen:
„Wie viel Raum soll diese Person, dieser Groll in meinem weiteren Leben noch einnehmen?“ Denn auch wenn der Verstorbene nicht mehr lebt, kann er in unseren Gedanken sehr präsent bleiben. Wir können weiterhin innerlich mit ihm diskutieren. Uns ärgern. Uns rechtfertigen. Uns vorstellen, was wir ihm gerne noch gesagt hätten.
Das kann lange dauern. Aber vielleicht kommt irgendwann der Moment, in dem man merkt: Ich muss dieses Gespräch nicht mehr führen.
Frieden bedeutet nicht Vergessen
Frieden bedeutet nicht, dass wir uns plötzlich nur noch an das Gute erinnern. Frieden bedeutet auch nicht, dass wir den Verstorbenen entschuldigen müssen. Und Frieden bedeutet schon gar nicht, dass wir sagen müssen: „Es war alles gut.“ Vielleicht bedeutet Frieden etwas viel Einfacheres:
Die Geschichte darf Teil meines Lebens sein, aber sie bestimmt nicht mehr mein ganzes Leben.
Ich darf mich erinnern, ohne immer wieder hineingezogen zu werden. Ich darf traurig sein, ohne mich schuldig zu fühlen. Darf wütend gewesen sein. UND irgendwann aufhören, wütend sein zu müssen.
Was möchten Sie mitnehmen?
Nach dem Tod eines Elternteils kann es hilfreich sein, irgendwann nicht nur zu fragen:
„Was hat mir dieser Mensch angetan?“ Sondern auch: „Was möchte ich aus meiner eigenen Geschichte mitnehmen?“
Vielleicht gibt es etwas, das Sie Ihren eigenen Kindern anders geben möchten. Oder Sie möchten offener miteinander sprechen, mehr zuhören. Konflikte früher ansprechen. Und sich selbst erlauben, Bedürfnisse zu haben und Grenzen zu setzen.
Dann kann aus einer schwierigen Geschichte etwas entstehen, das über die eigene Generation hinauswirkt. Nicht weil das Geschehene dadurch einen Sinn bekommen muss. Sondern weil wir entscheiden können, wie wir heute damit umgehen.
Und manchmal braucht Frieden Zeit
Nicht jeder Mensch findet nach dem Tod eines schwierigen Elternteils schnell einen inneren Frieden. Manche brauchen Monate, manche Jahre. Manchmal kommt die Trauer in Wellen. An einem Tag ist man erstaunlich gelassen, am nächsten taucht wieder eine alte Wut auf. Auch das bedeutet nicht, dass man zurückfällt.
Innere Veränderung verläuft selten geradlinig.
Wenn die Gefühle sehr schwer werden oder alte Verletzungen das eigene Leben stark bestimmen, kann es hilfreich sein, sich Unterstützung zu suchen. Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen oder professionelle Begleitung kann dabei helfen, die eigene Geschichte aus einer gewissen Entfernung anzuschauen. Wenn Sie das möchten, können Sie sich hier Kontakt informieren.
Sie müssen dabei nichts vergeben, was Sie nicht möchten. Sie müssen nichts vergessen. UND auch nicht so tun, als sei alles schön gewesen. Vielleicht reicht am Ende ein Satz:
„Ich kann die Vergangenheit nicht verändern. Aber ich darf entscheiden, wie viel Raum sie in meinem weiteren Leben bekommt.“ Vielleicht ist genau das eine Form von Frieden.
Nicht Frieden mit allem, was geschehen ist. Siehe auch meine Beiträge hierzu: Trauern – wenn die Beziehung schwierig war und auch Zwischen Wohnung, Bestattung und Überforderung
Sondern Frieden mit der Tatsache, dass es geschehen ist – und dass das eigene Leben trotzdem weitergehen darf.
Ich biete zu allem, Gespräche, Hypnose, Musiktherapie, ein kostenfreies Kennlerngespräch an.
