Wenn Kinder gehen

Ich hatte das Bedürfnis – auch aus den Erfahrungen in meiner eigenen Familie mit 2 erwachsenen Töchtern – diese 4teilige Reihe zu veröffentlichen. Hier ist heute der 1. Teil davon „Wenn Kinder gehen (Teil 1).

Wenn Kinder gehen

Wenn Kinder gehen

Und plötzlich fehlt etwas

Wenn Kinder gehen, erwachsen werden und irgendwann ausziehen, beginnt für eine Familie ein neuer Lebensabschnitt. Das klingt zunächst nach etwas ganz Normalem: Das Kind wird groß, macht eine Ausbildung oder beginnt ein Studium, zieht in die erste eigene Wohnung und baut sich sein eigenes Leben auf. Eigentlich ein Grund zur Freude. Und natürlich ist es das auch. Eltern wünschen sich schließlich, dass ihre Kinder selbstständig werden, ihren eigenen Weg finden und ein erfülltes Leben führen.

Trotzdem kann dieser Übergang überraschend schwierig sein. Denn manchmal geht nicht nur das Kind aus dem Haus. Auch der bisherige Alltag, die eigene Rolle und ein Stück der bisherigen Lebensaufgabe verändern sich. Besonders schwierig kann es werden, wenn die Ablösung nicht so reibungslos funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat.

Wenn erwachsen sein und selbstständig sein nicht dasselbe sind

Mit 18 ist ein Mensch rechtlich erwachsen. Im wirklichen Leben, wenn Kinder gehen, bedeutet das aber noch lange nicht, dass er auf eigenen Füßen steht.

Ausbildung oder Studium dauern mehrere Jahre. Das eigene Einkommen reicht vielleicht noch nicht für eine Wohnung. Manche junge Erwachsene brauchen länger, um herauszufinden, was sie beruflich überhaupt machen möchten. Ein Studium wird abgebrochen oder gewechselt, eine Ausbildung passt doch nicht. Vielleicht gibt es persönliche Schwierigkeiten, die den Start ins Erwachsenenleben zusätzlich erschweren.

Für Eltern kann das eine eigenartige Zwischenphase sein. Das Kind ist erwachsen und möchte selbstverständlich selbst entscheiden. Gleichzeitig sind die Eltern finanziell oder praktisch noch stark beteiligt. Sie bezahlen vielleicht einen Teil der Lebenshaltungskosten, helfen bei der Wohnungssuche, fahren Umzüge, unterstützen bei Problemen oder springen ein, wenn etwas nicht funktioniert.

Und dann entsteht leicht ein Spannungsfeld:

Wie viel Unterstützung ist noch Hilfe – und ab wann hält sie möglicherweise davon ab, selbstständig zu werden? Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Aber sie kann Konflikte auslösen, gerade wenn Eltern und erwachsenes Kind unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Selbstständigkeit bedeutet.

Wenn die Kommunikation schwieriger wird

Auch emotional kann die Ablösung eine Herausforderung sein. Vielleicht war die Mutter jahrelang die wichtigste Ansprechpartnerin. Sie wusste, wann Klausuren anstanden, welche Freunde wichtig waren, was das Kind beschäftigte und wo gerade Unterstützung gebraucht wurde.

Plötzlich erzählt das erwachsene Kind vieles nicht mehr. Es antwortet nur noch knapp auf Nachrichten. Telefonate werden seltener. Besuche finden weniger statt. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass die Eltern davon erfahren.

Das kann sich wie eine Zurückweisung anfühlen. Dabei bedeutet weniger Kontakt nicht automatisch weniger Liebe. Ein junger Mensch muss seine eigene Identität entwickeln. Dazu gehört manchmal auch, sich von den Eltern abzugrenzen. Was in der Kindheit Nähe bedeutete, kann sich in dieser Lebensphase plötzlich wie Einmischung anfühlen.

Für Eltern ist das nicht immer leicht auszuhalten. Besonders dann nicht, wenn sie sich Sorgen machen. Vielleicht erscheint die Wahl des Studiums völlig unverständlich. Vielleicht wird eine Ausbildung abgebrochen, obwohl die Eltern überzeugt waren, dass sie genau das Richtige wäre. Vielleicht zieht das Kind in eine andere Stadt oder lebt plötzlich auf eine Weise, die die Eltern nicht nachvollziehen können.

Man möchte helfen. Aber manchmal besteht die wichtigste Hilfe gerade darin, nicht mehr alles lösen zu wollen.

Wenn das eigene Kind seinen Weg noch nicht gefunden hat

Dabei darf man eines nicht vergessen: Auch für junge Erwachsene ist diese Zeit oft nicht einfach. Mit Anfang zwanzig soll man plötzlich Entscheidungen treffen, die sich anfühlen, als würden sie das ganze weitere Leben bestimmen.

Was möchte ich beruflich machen?
Wo möchte ich leben?
Welche Ausbildung passt zu mir?
Ist das Studium wirklich das Richtige?
Wie möchte ich meine Beziehungen gestalten?
Wer bin ich eigentlich?

Manche wissen erstaunlich früh, wohin ihr Weg führen soll. Andere probieren sich aus, wechseln die Richtung und brauchen mehrere Anläufe. Das kann für Eltern schwer mit anzusehen sein. Vor allem dann, wenn man selbst glaubt, das Kind könne mit einer anderen Entscheidung viel leichter durchs Leben kommen. Doch ein Lebensweg lässt sich nicht stellvertretend für einen anderen Menschen finden.

Das ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben beim Erwachsenwerden der Kinder: Man darf weiterhin Mutter oder Vater sein, aber man kann nicht mehr für das erwachsene Kind leben.

Und was bleibt für mich?

Wenn das Kind weniger zu Hause ist, weniger erzählt und immer mehr eigene Entscheidungen trifft, entsteht irgendwann eine andere Frage.

Nicht nur: Was macht mein Kind jetzt? Sondern: Was mache ich jetzt eigentlich?

Denn über viele Jahre war der Familienalltag von den Bedürfnissen der Kinder geprägt. Essen, Schule, Termine, Fahrdienste, Gespräche, Sorgen, gemeinsame Unternehmungen – vieles drehte sich um die Familie. Wenn davon plötzlich weniger gebraucht wird, kann sich das zunächst wie Leere anfühlen. Das bedeutet nicht, dass man seine Kinder zu sehr geliebt hat. Und es bedeutet auch nicht, dass man sein eigenes Leben vernachlässigt hat.

Es bedeutet schlicht, dass sich eine wichtige Lebensphase verändert. Und Veränderungen können Trauer auslösen, auch dann, wenn gleichzeitig etwas Schönes entsteht.

Man kann stolz sein und traurig.
Man kann erleichtert sein und sich trotzdem nach dem früheren Alltag sehnen.
Man kann seinem Kind die Freiheit gönnen und sich gleichzeitig wünschen, wieder etwas mehr Teil seines Lebens zu sein.

Diese widersprüchlichen Gefühle dürfen nebeneinander bestehen.

Abnabelung ist keine Einbahnstraße

Oft sprechen wir davon, dass die Kinder sich abnabeln müssen. Tatsächlich ist es ein Prozess, der beide Seiten betrifft. Das erwachsene Kind muss lernen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Die Eltern müssen lernen, Verantwortung abzugeben. Beides kann schwierig sein.

Und manchmal braucht dieser Prozess Zeit. Es gibt Rückschritte, Streit, neue Annäherung und wieder Distanz. Eine finanzielle Abhängigkeit kann die Ablösung erschweren. Unterschiedliche Erwartungen können zu Konflikten führen. Manchmal sind alte familiäre Muster plötzlich wieder da.

Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas in der Familie grundsätzlich falsch läuft. Auch in liebevollen und stabilen Familien kann der Übergang ins Erwachsenenleben schwierig sein. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe deshalb gar nicht darin, möglichst schnell „loszulassen“. Vielleicht geht es vielmehr darum, eine neue Form der Beziehung entstehen zu lassen. Eine Beziehung, in der das erwachsene Kind nicht mehr hauptsächlich das Kind ist, das versorgt und angeleitet wird.

Und die Mutter nicht mehr hauptsächlich diejenige ist, die organisiert, erinnert, auffängt und Probleme löst.

Siehe dazu auch meinen Beitrag Altes Loslassen – Neues beginnen

Wenn etwas fehlt, darf etwas Neues entstehen

Vielleicht ist das die wichtigste Frage dieser Lebensphase: Wenn mein Kind mich nicht mehr auf dieselbe Weise braucht – was darf dann in meinem eigenen Leben wieder mehr Raum bekommen? Das muss nicht sofort eine große Antwort sein. Manchmal beginnt es ganz klein. Mit etwas, das man früher gerne getan hat. Mit Musik, Bewegung, Kreativität, Freunden, einer Weiterbildung oder einem beruflichen Gedanken, der jahrelang aufgeschoben wurde.

Vielleicht entdeckt man Seiten an sich wieder, die während der Familienjahre etwas in den Hintergrund geraten sind. Das leere Kinderzimmer muss deshalb nicht nur ein Symbol für Verlust sein. Es kann auch ein Raum sein, in dem etwas Neues beginnt. Nicht anstelle des Kindes. Sondern zusätzlich zum eigenen Leben.

Denn erwachsen werdende Kinder brauchen irgendwann nicht mehr dieselbe Mutter wie früher. Aber das bedeutet nicht, dass man aufhört, Mutter zu sein. Es bedeutet, dass man lernen darf, Mutter zu bleiben und gleichzeitig wieder mehr die eigene Person zu werden.

Auf diesen Teil „Wenn Kinder gehen (Teil 1) folgen noch mehrere Teile zu dieser Reihe, die an diesen Beitrag anknüpfen.

Ich selbst habe in dieser Phase zurück zur Musik gefunden und ein völlig neues Instrument – das Saxophon – erlernt, das heute einen großen Teil in meinem Leben einnimmt. Und ich habe beruflich noch einmal neu angefangen. Dies alles ist möglich, auch mit 50+. Und es hat sich gelohnt. Für mich und unsere gesamte Familie.

Wenn sie Interesse an diesem Thema haben, an einem Gespräch oder Unterstützung, können Sie mich hier Kontakt kontaktieren. Ich freue mich und biete ein kostenfreies Erstgespräch an.