Erwachsen – und noch nicht unabhängig
Wenn Kinder ausziehen, entsteht bei Eltern häufig zunächst ein ganz bestimmtes Bild: Das Kinderzimmer wird leerer, der Alltag ruhiger, und das erwachsene Kind beginnt sein eigenes Leben. Aber wann ist ein Kind eigentlich wirklich unabhängig? Mit dem 18. Geburtstag? Mit dem Auszug? Mit dem ersten eigenen Mietvertrag? Oder erst dann, wenn es seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann? Was tue ich, als Elternteil oder als Kind, mit dem Thema, wenn ich das Gefühl habe, ich (oder sie) sind „Erwachsen – und noch nicht unabhängig“? Wie gehe ich damit um?
Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. Denn Erwachsenwerden und Unabhängigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Ein junger Mensch kann bereits sehr selbstständig leben, eigene Entscheidungen treffen und seinen Alltag allein organisieren – und trotzdem noch finanziell auf die Eltern angewiesen sein.
Und genau diese Zwischenphase kann für beide Seiten manchmal schwierig sein.
Der Auszug ist nicht das Ende der Abhängigkeit
Viele junge Menschen verlassen das Elternhaus heute, ohne bereits ein eigenes ausreichendes Einkommen zu haben. Ein Studium dauert mehrere Jahre. Eine schulische Ausbildung bringt oft wenig oder gar kein eigenes Einkommen. Die erste Wohnung, Lebensmittel, Fahrtkosten, Versicherungen und andere laufende Kosten müssen trotzdem bezahlt werden.
Vielleicht kommt noch ein Auslandssemester dazu, ein Praktikum, ein Studienwechsel oder eine berufliche Neuorientierung. So kann ein junger Mensch mit Anfang oder Mitte zwanzig bereits seit Jahren nicht mehr zu Hause wohnen und trotzdem noch in erheblichem Umfang von den Eltern unterstützt werden.
Das ist nicht ungewöhnlich. Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass der junge Erwachsene unselbstständig ist. Vielleicht organisiert er sein gesamtes Leben selbst. Er entscheidet, was er studieren möchte, wo er wohnen will und wie er seinen Alltag gestaltet. Vielleicht bekommt er kein Bafög, oder nur sehr wenig, oder es dauert sehr lange, bis es ausgezahlt wird. Und so kommt das Geld für einen Teil dieses Lebens noch von den Eltern.
Damit verändert sich die Bedeutung von Unterstützung. Als ein Kind klein war, war selbstverständlich, dass die Eltern für seinen Lebensunterhalt sorgen. Bei einem erwachsenen Kind ist die Situation anders. Die Kosten sind wesentlich höher. Das Kind möchte sein eigenes Leben führen. Die Eltern tragen aber weiterhin einen Teil der finanziellen Verantwortung. Beides kann gleichzeitig richtig sein.
Wenn das Studium nicht nach Plan verläuft
Besonders deutlich wird das, wenn der Weg ins Berufsleben nicht geradlinig verläuft. Vielleicht beginnt ein junger Mensch ein Studium und merkt nach einigen Monaten, dass es nicht passt. Ein anderes Studium folgt. Vielleicht ein notwendiger Umzug, wegen des Studiums oder weil die WG nicht passt.
Oder eine Ausbildung wird ausprobiert und wieder beendet. Vielleicht gibt es eine persönliche Krise, eine längere Erkrankung oder eine schwierige Lebensphase. Und es wird zwischendurch gearbeitet, bevor ein neuer Versuch beginnt. Manche brauchen mehrere Anläufe, bis sie herausfinden, welcher Weg zu ihnen passt.
Von außen kann das schnell so aussehen, als würde jemand „nicht vorankommen“. Für die Betroffenen selbst kann es aber eine wichtige Zeit des Suchens und Ausprobierens sein. Auch Eltern erleben diese Jahre häufig mit gemischten Gefühlen.
Sie möchten ihrem Kind die notwendige Zeit geben. Gleichzeitig fragen sie sich: Wie lange können wir das finanziell mittragen? Wann wird unser Kind wirklich unabhängig sein?
Und vielleicht auch: Machen wir es ihm zu leicht, wenn wir immer wieder helfen?
Siehe dazu auch meinen letzten Beitrag Wer bin ich, wenn die Kinder weg sind? zu diesem Thema.
Das sind keine einfachen Fragen.
Wenn die Eltern selbst nicht im Überfluss leben
Noch schwieriger kann es werden, wenn die Eltern zwar grundsätzlich ein Einkommen haben, aber keineswegs über unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten verfügen. Manchmal bekommen Studierende kein oder nur wenig BAföG, weil das Einkommen der Eltern entsprechend berücksichtigt wird. Auf dem Papier klingt das vielleicht so, als könnten die Eltern die Ausbildung problemlos finanzieren.
In der Wirklichkeit sieht es möglicherweise ganz anders aus. Die Eltern haben selbst Miete oder ein Haus zu finanzieren, Versicherungen, laufende Kosten und vielleicht weitere Kinder. Vielleicht sind sie selbstständig und haben kein gleichmäßiges Einkommen.
Vielleicht ist einer der Elternteile längere Zeit krank oder kann vorübergehend nicht arbeiten. Dann kann die finanzielle Unterstützung der erwachsenen Kinder zu einer erheblichen Belastung werden. Und trotzdem möchte man als Mutter oder Vater nicht sagen:
„Du musst jetzt sehen, wie du allein zurechtkommst.“ Denn man weiß, dass das Kind diese Unterstützung vielleicht tatsächlich braucht. Es ist kaum möglich, mit arbeiten ein gesamtes Studium zu finanzieren, also Wohnung / WG, Lebensunterhalt, Studiengebühren, Fahrtkosten. Ohne eine zweite Unterstützung durch Bafög und /oder Eltern. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen helfen wollen und selbst an die eigenen Grenzen kommen.
Geld und Ablösung
Geld ist dabei nicht nur eine praktische Angelegenheit. Es kann auch die Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern beeinflussen. Wenn Eltern die Miete bezahlen, den Lebensunterhalt mitfinanzieren oder regelmäßig Geld überweisen, kann sich die Frage stellen:
Dürfen wir dann auch etwas dazu sagen? Und auf der anderen Seite: Darf ich mein Leben völlig selbst bestimmen, wenn meine Eltern es noch finanzieren? Das kann unausgesprochene Erwartungen schaffen. Die Eltern denken vielleicht:
„Wir unterstützen dich, damit du dich auf dein Studium konzentrieren kannst.“ Das erwachsene Kind hört möglicherweise: „Weil wir bezahlen, möchten wir auch mitbestimmen.“
Manchmal wird das tatsächlich so empfunden, obwohl die Eltern gar nicht die Absicht haben, Kontrolle auszuüben. Deshalb ist es hilfreich, finanzielle Unterstützung möglichst offen zu besprechen. Was können die Eltern leisten? Was können sie nicht leisten? Wie lange soll die Unterstützung voraussichtlich dauern? Was kann das erwachsene Kind selbst übernehmen? Und was passiert, wenn sich die finanzielle Situation der Familie verändert?
Solche Gespräche sind nicht immer angenehm. Aber sie können helfen, Erwartungen sichtbar zu machen, die sonst irgendwann zu Streit oder Enttäuschung führen.
Selbstständig entscheiden und trotzdem Hilfe brauchen
Vielleicht ist eine der wichtigsten Erkenntnisse dabei:
Ein erwachsenes Kind darf eigene Entscheidungen treffen, auch wenn es noch Unterstützung von den Eltern bekommt. Das kann für Eltern schwer sein. Gerade, wenn sie mit den Entscheidungen nicht immer einverstanden sind. Und denken: Wenn wir etwas bezahlen, möchten wir vielleicht automatisch, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Wir wünschen uns, dass das Studium erfolgreich abgeschlossen wird.
Wir möchten verstehen, warum das Kind dieses Fach gewählt hat oder warum es nun schon wieder über einen Wechsel nachdenkt. Aber Unterstützung bedeutet nicht automatisch, dass wir das Leben des anderen bestimmen dürfen.
Gleichzeitig darf auch ein erwachsenes Kind anerkennen, dass die finanziellen Möglichkeiten der Eltern Grenzen haben.
Selbstständigkeit bedeutet nicht nur: „Ich entscheide selbst.“ Sie bedeutet mit der Zeit auch: „Ich übernehme Verantwortung für die Folgen meiner Entscheidungen.“ Vielleicht ist genau das ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur wirklichen Unabhängigkeit. Ich weiß natürlich, dass dies schwierig ist, auch aufgrund eigener Erfahrungen in der Familie. Zum Beispiel macht es eine betriebliche oder gar schulische Ausbildung fast unmöglich, nebenher noch einen (kleinen) Job zu haben, auch wenn der Lohn oder Bafög nicht zum Leben reichen. Bei einem Studium lässt sich dies oft flexibler gestalten, doch auch da kommt man schnell an seine Grenzen.
Ablösung geschieht auf mehreren Ebenen
Vielleicht hilft es, die Ablösung nicht als einen einzigen großen Schritt zu betrachten. Ein Kind kann räumlich unabhängig sein, aber finanziell noch abhängig. Es kann finanziell teilweise unabhängig sein, aber emotional noch sehr eng mit den Eltern verbunden. Es kann eigene Entscheidungen treffen, aber bei manchen Dingen noch viel Unterstützung benötigen.
Und all das kann sich im Laufe der Jahre verändern. Manchmal geht die Entwicklung auch nicht nur vorwärts. Ein junger Mensch kann schon einmal selbstständig gelebt haben und nach einer Krise wieder stärker auf die Eltern angewiesen sein. Das ist nicht automatisch ein Scheitern. Das Leben verläuft selten so geradlinig, wie wir es uns wünschen.
Vielleicht ist Ablösung deshalb weniger ein einzelner Zeitpunkt als ein längerer Prozess.
Und was bedeutet das für die Eltern? Diese Art von „Erwachsen“?
Was bedeutet dieses „Erwachsen – und noch nicht unabhängig“? Auch für Eltern ist diese lange Übergangszeit manchmal anstrengend. Man möchte seinem Kind den eigenen Weg ermöglichen. Gleichzeitig muss man vielleicht immer wieder rechnen, planen und überlegen, was man sich leisten kann. Man möchte Vertrauen haben. Und macht sich trotzdem Sorgen. Oder möchte nicht kontrollieren. Und möchte manchmal doch gerne wissen, wie es weitergeht.
Vielleicht besteht die Herausforderung darin, die eigene Unterstützung Schritt für Schritt von der Verantwortung für das Leben des Kindes zu unterscheiden. Ich kann helfen. Aber ich muss nicht alles tragen. Kann meine Meinung sagen. Vorsichtig, nicht fordernd. Doch trotzdem darf mein erwachsenes Kind anders entscheiden.
Ich kann finanziell unterstützen. Und ich darf auch meine eigenen Grenzen benennen. Darf anerkennen, dass die Selbstständigkeit meines Kindes nicht erst dann beginnt, wenn der letzte Euro von mir nicht mehr benötigt wird.
Irgendwann wird aus Unterstützung etwas anderes
Vielleicht kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem das erwachsene Kind seinen Lebensunterhalt selbst verdient. Vielleicht dauert es länger als erwartet. Vielleicht ist der Weg dorthin voller Umwege. Vielleicht wird die Unterstützung immer wieder neu notwendig. Und vielleicht verändert sich auch dann die Beziehung noch einmal.
Denn Eltern bleiben Eltern. Aber ihre Aufgabe verändert sich. Aus dem täglichen Kümmern wird Begleitung. Aus dem Entscheiden wird Zuhören. Und aus dem Versorgen wird manchmal einfach ein Dasein. Vielleicht ist das die eigentliche Richtung der Ablösung:
Nicht, dass wir eines Tages sagen können: „Jetzt brauchen wir einander überhaupt nicht mehr.“ Sondern: „Wir brauchen einander nicht mehr auf dieselbe Weise.“
Das erwachsene Kind darf sein eigenes Leben führen. Die Eltern dürfen ihr eigenes Leben weiterführen. Und trotzdem kann eine Verbindung bestehen bleiben. Vielleicht sogar eine neue, freiere Verbindung. Denn Selbstständigkeit bedeutet nicht, niemanden mehr zu brauchen.
Sie bedeutet vielmehr, zunehmend selbst Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen – und trotzdem wissen zu dürfen: Da sind Menschen, die mich lieben, und sind da, wenn ich sie brauche. Eltern. Großeltern. Familie.
Und auch für Eltern kann es beruhigend sein, diesen Gedanken mitzunehmen: Das Loslassen muss nicht bedeuten, dass man die Kinder ganz aus der Hand gibt. Es bedeutet vielmehr, ihnen immer mehr zuzutrauen – und gleichzeitig selbst wieder mehr Raum für das eigene Leben zu gewinnen.
Wenn Sie dieses Thema interessiert, „Erwachsen – und noch nicht unabhängig“ zu sein, ein Gespräch, eine Begleitung, sprechen sie mich gern an unter Kontakt Ich biete ein kostenfreies Erstgespräch an.
