Wer bin ich, wenn die Kinder weg sind?
Wenn sie nicht mehr zu Hause wohnen? Wenn ich nicht mehr sooo gebraucht werde wie die letzten 20 Jahre?
Wenn die Kinder erwachsen werden, verändert sich vieles
Sie treffen ihre eigenen Entscheidungen, gehen eigene Wege und gestalten ihren Alltag zunehmend selbstständig. Vielleicht ziehen sie aus, beginnen eine Ausbildung oder ein Studium, finden einen Partner und bauen sich nach und nach ein eigenes Leben auf.
Für Eltern ist das eigentlich das Ziel. Wir möchten, dass unsere Kinder selbstständig werden. Dass sie ihren Platz im Leben finden und irgendwann nicht mehr bei jedem Problem auf uns angewiesen sind. Und trotzdem kann irgendwann eine Frage auftauchen, mit der viele Eltern nicht gerechnet haben:
Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr so gebraucht werde wie früher?
Diese Frage kann besonders Mütter treffen, deren Leben über viele Jahre stark von der Familie und den Kindern geprägt war. Nicht unbedingt, weil sie nichts anderes hatten.
Viele Frauen haben gearbeitet, Freundschaften gepflegt, Interessen gehabt und sich um ihre Partnerschaft gekümmert. Und trotzdem waren die Kinder oft ein fester Mittelpunkt des Alltags. Über viele Jahre gab es immer etwas zu tun. Essen kochen. Termine organisieren. Zuhören. Trösten. Erinnern. Mitfiebern. Probleme lösen. Fahrdienste übernehmen. Bei Schulaufgaben helfen. Streit aushalten. Sich Sorgen machen.
Und plötzlich wird davon weniger gebraucht
Das kann sich zunächst erstaunlich leer anfühlen. Wenn eine große Aufgabe langsam verschwindet. Elternsein hört natürlich nicht auf, wenn die Kinder erwachsen werden. Aber die Aufgabe verändert sich. Als die Kinder klein waren, war vieles selbstverständlich. Sie brauchten uns jeden Tag. Nicht nur emotional, sondern auch ganz praktisch.
Wir mussten Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich das langsam. Das Kind möchte selbst entscheiden, eigene Erfahrungen machen. Vielleicht möchte es auch Dinge ganz anders machen als die Eltern.
Und irgendwann merken wir:
Ich kann mich kümmern, aber ich muss nicht mehr ständig kümmern. Das klingt zunächst vielleicht wie eine Erleichterung. Und manchmal ist es das auch. Viele Eltern genießen es durchaus, wieder mehr Zeit zu haben. Nicht mehr ständig erreichbar sein zu müssen. Weniger organisieren zu müssen. Spontaner planen zu können.
Aber Erleichterung und Verlust können gleichzeitig da sein. Man kann es genießen, dass wieder mehr Ruhe im Haus ist – und trotzdem das gemeinsame Abendessen vermissen. Man kann stolz darauf sein, dass das Kind selbstständig wird – und trotzdem traurig sein, wenn es nicht mehr jeden Tag da ist.
Man kann froh sein, wieder mehr Zeit für sich zu haben, und gleichzeitig gar nicht wissen, was man mit dieser Zeit anfangen möchte. Diese widersprüchlichen Gefühle sind völlig normal.
Denn es verändert sich nicht nur der Alltag. Es verändert sich auch ein Teil der eigenen Rolle.
Über viele Jahre war klar, was gebraucht wurde
Das Familienleben gibt oft einen festen Rahmen. Es gibt Termine, Aufgaben und Verpflichtungen. Selbst wenn es manchmal anstrengend ist, weiß man doch meist, was als Nächstes zu tun ist. Die Kinder geben dem Alltag eine Struktur. Man steht auf, weil jemand zur Schule muss. Man plant den Urlaub nach den Ferien. Man kocht für mehrere Menschen. Man weiß, wer wann wo sein muss.
Auch Sorgen und Probleme gehören dazu. Sie sind nicht schön, aber sie beschäftigen uns und geben uns oft das Gefühl, etwas tun zu können. Wenn die Kinder erwachsen werden, fällt diese Struktur nach und nach weg. Und plötzlich entsteht Raum. Eigentlich etwas Schönes. Aber Raum kann sich zunächst auch wie Leere anfühlen. Denn wenn wir lange daran gewöhnt waren, auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten, kann es überraschend schwierig sein, wieder zu fragen:
Was brauche eigentlich ich?
Nicht:
Was brauchen die Kinder? Was braucht mein Partner? Irgend etwas muss als Nächstes erledigt werden?
Sondern: Was möchte ich? Diese Frage ist manchmal gar nicht so leicht. Viele Menschen können sofort sagen, was ihre Kinder gerne essen. Sie wissen, welche Sorgen ihr Partner gerade hat. Sie kennen die Bedürfnisse anderer Menschen oft sehr genau.
Aber wenn man sie fragt: „Was tut dir eigentlich gut?“ oder: „Was würdest du gerne einmal nur für dich tun?“ dann wird es schwieriger. Vielleicht hat man sich diese Frage über viele Jahre einfach nicht gestellt. Das muss kein Vorwurf sein. Das Leben mit Kindern ist intensiv. Es gibt Phasen, in denen die eigenen Wünsche tatsächlich weniger Raum haben. Das gehört zum Elternsein dazu. Aber irgendwann verändert sich die Situation.
Und dann darf die eigene Person wieder stärker in den Blick kommen. Vielleicht sogar zum ersten Mal seit langer Zeit.
Ich bin mehr als Mutter
Dieser Satz kann zunächst selbstverständlich klingen. Natürlich ist ein Mensch mehr als seine Rolle als Mutter, und trotzdem kann es sich anders anfühlen. Vielleicht war das Muttersein über viele Jahre ein besonders wichtiger Teil des eigenen Lebens.
Man war Ansprechpartnerin, wurde gebraucht. Wusste vieles über das Leben der Kinder. Man hatte Einfluss, konnte helfen. Wenn all das weniger wird, kann sich die Frage nach dem eigenen Platz im Leben plötzlich sehr deutlich stellen.
Dabei geht es nicht darum, die Rolle als Mutter hinter sich zu lassen. Es geht vielmehr darum, sich selbst wieder vollständiger wahrzunehmen.Neben der Mutter gibt es vielleicht noch die Frau, die gerne Musik macht. Oder Sport. Die Frau, die sich für bestimmte Themen interessiert. Die gerne kreativ ist. Die vielleicht einmal beruflich etwas anderes machen wollte.
Die reisen möchte, gerne Neues lernt, Freundschaften pflegen möchte. Jemand, der etwas ausprobieren möchte, wofür früher angeblich nie Zeit war .Manches davon ist vielleicht noch da. Und Manches muss vielleicht erst wiederentdeckt werden.
Was habe ich eigentlich auf später verschoben?
Vielleicht ist diese Lebensphase auch eine Gelegenheit, sich an Dinge zu erinnern, die irgendwann in den Hintergrund geraten sind. Viele Menschen kennen Sätze wie: „Wenn die Kinder größer sind, dann …“ „Irgendwann habe ich dafür mehr Zeit.“ „Das mache ich später einmal.“ Und plötzlich ist dieses Später da. Das kann ein merkwürdiger Moment sein.
Denn manchmal stellt man fest:
Ich weiß gar nicht mehr genau, was ich eigentlich wollte. Ich habe keinen Zugang mehr zu meinen Wünschen, meinen Bedaürfnissen. Oder Vielleicht hat sich der frühere Wunsch verändert. Und ist etwas, das man mit zwanzig unbedingt wollte, mit fünfzig oder sechzig überhaupt nicht mehr interessant.
Auch das ist in Ordnung. Es geht nicht darum, unbedingt alte Träume wieder hervorzuholen. Es geht darum, neugierig zu werden. Oder zu bleiben. Was könnte jetzt zu mir passen? Vielleicht entsteht daraus etwas völlig Neues. Eine neue Tätigkeit, ein neues Hobby. Ein beruflicher Neuanfang.
Das neue berufliche Projekt, ein Kurs, eine kreative Tätigkeit. Mehr Zeit für Garten, Haustiere, Partner. Oder etwas völlig anderes. Und einfach mehr Zeit für Dinge, die bisher immer zu kurz gekommen sind. Es muss nicht gleich eine große Veränderung sein. Manchmal beginnt etwas Neues ganz unscheinbar.
Wenn plötzlich die Frage nach dem Sinn auftaucht
Manchmal geht es allerdings um mehr als um freie Zeit. Oder neue Hobbies und Projekte. Manche Menschen merken, dass sie sich ernsthaft fragen: Was gibt meinem Leben jetzt eigentlich Sinn? Auch diese Frage kann Angst machen. Besonders dann, wenn man über viele Jahre das Gefühl hatte, eine klare Aufgabe zu haben. Kinder großzuziehen ist eine große Aufgabe. Es ist eine Aufgabe, die viele Jahre oder gar Jahrzehnte dauert, bei mehreren Kindern, und den Alltag prägt.
Wenn diese Aufgabe langsam in den Hintergrund tritt, kann das Gefühl entstehen, dass etwas Wichtiges fehlt. Eine Aufgabe UND auch der Sinn im Leben. Aber vielleicht liegt darin auch eine Chance.
Denn Sinn muss nicht nur daraus entstehen, gebraucht zu werden
Das ist möglicherweise eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Lebensphase. Ich darf etwas tun, nur weil es mir Freude macht. Nicht, weil jemand es von mir braucht. Ich darf Musik machen, oder hören, weil sie mir guttut. Ich darf etwas lernen, weil es mich interessiert. Mich verändern, auch wenn niemand darauf gewartet hat. Neue Wege gehen, obwohl mein bisheriges Leben vielleicht lange ganz anders aussah.
Das klingt einfach. Ist es jedoch oft gar nicht. Denn viele Menschen müssen erst wieder lernen, sich selbst diese Erlaubnis zu geben. Darf ich mich wieder wichtiger nehmen? Gerade Mütter kennen manchmal ein schlechtes Gewissen. Die Kinder brauchen vielleicht noch Unterstützung. Sie studieren noch, machen eine Ausbildung oder sind finanziell noch nicht vollständig selbstständig.
Vielleicht gibt es weiterhin Sorgen. Darf man dann überhaupt sagen: „Jetzt möchte ich mich auch einmal um mich kümmern“? Ich finde: Ja. Sich selbst wieder wichtiger zu nehmen bedeutet nicht, die eigenen Kinder im Stich zu lassen. Man kann für die Kinder da sein und trotzdem ein eigenes Leben haben. Man kann helfen und trotzdem Grenzen setzen.
Man kann zuhören und trotzdem nicht jedes Problem zum eigenen Problem machen. Vielleicht ist das sogar eine wichtige Veränderung für beide Seiten. Denn erwachsene Kinder brauchen nicht nur Eltern, die immer bereitstehen. Sie dürfen auch erleben, dass ihre Eltern ein eigenes Leben haben.
Eigene Interessen. Eigene Freundschaften, Pläne. Und vielleicht zeigt gerade das den Kindern etwas Wichtiges: Das Leben hört nicht auf, wenn eine große Aufgabe endet. Ja, es kann sich verändern. UND manchmal beginnt etwas Neues.
Sich selbst wieder kennenlernen
Vielleicht müssen wir in dieser Lebensphase gar nicht sofort wissen, wer wir jetzt sein möchten. Wie wir sein möchten. Reicht es zunächst vielleicht, wieder neugierig auf sich selbst zu werden.
Was tut mir gut? Wann fühle ich mich lebendig? Was interessiert mich? Mit welchen Menschen verbringe ich gerne Zeit? Was möchte ich lernen? Wo mich vielleicht verändern? Und was möchte ich in meinem Leben genauso behalten?
Es gibt kein festes Alter für diese Fragen. Man kann mit fünfzig neu anfangen. Ja, und ich spreche aus Erfahrung, ich habe es selbst getan. Beruflich und mit der Musik. Man kann mit sechzig etwas lernen. Mit siebzig ein neues Interesse entdecken. Und natürlich auch schon früher. Das Erwachsenwerden der eigenen Kinder kann ein Ende markieren.
Aber es kann gleichzeitig auch ein Anfang sein.
Siehe auch die beiden ersten Beiträge der Reihe Wenn Kinder gehen (Teil 1) und Wenn Loslassen wehtut
Mutter bleiben – und trotzdem wieder mehr ich selbst werden
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, eine Rolle gegen eine andere auszutauschen. Mutter bleibt man, Vater auch. Ich muss nicht aufhören, Mutter zu sein, um wieder stärker ich selbst zu werden. Ich darf beides sein. Darf meine erwachsenen Kinder lieben und trotzdem mein eigenes Leben gestalten. Ich darf mich freuen, wenn sie mich brauchen, ohne darauf angewiesen zu sein, gebraucht zu werden.
Ich darf für sie da sein, auch wenn die Beziehung manchmal schwierig ist und man sich Wochen oder gar Monate nicht sieht. Und gleichzeitig darf ich eigene Wege gehen. Vielleicht verändert sich genau darin auch die Beziehung zu den Kindern. Aus der Mutter, die alles organisiert und mitträgt, wird nach und nach eine andere Art von Beziehung. Man bleibt verbunden. Aber man gibt sich gegenseitig mehr Raum. Und vielleicht entdecken nicht nur die Kinder in dieser Zeit, wer sie eigentlich sind.
Vielleicht bekommen auch die Eltern noch einmal die Gelegenheit, sich diese Frage zu stellen. Wer bin ich heute? Nicht damals. Nicht bevor die Kinder da waren. Das ist eh so lange her, dass man sich kaum noch erinnern kann, wie das Leben da war.
Wer bin ich jetzt? Nicht nur als Mutter. Sondern jetzt. Mit allem, was ich erlebt habe. Mit meinen Fähigkeiten, meinen Erfahrungen, meinen Interessen. Und vielleicht auch mit Dingen, die ich bisher noch gar nicht über mich weiß. Die Kinder gehen ihren Weg.
Und irgendwann dürfen wir uns vielleicht ebenfalls wieder auf den Weg machen. Nicht weg von unseren Kindern. Sondern ein Stück weiter zu uns selbst.
Wenn Sie dieses Thema anspricht und Sie gern ein kostenfreies Gespräch dazu möchten, sprechen Sie mich gern an unter Kontakt
