Wenn Loslassen wehtut

Wenn Loslassen wehtut

Erwachsene Kinder loslassen

wenn erwachsene Kinder gehen

Irgendwann kommt für fast alle Eltern der Zeitpunkt, an dem sie merken: Unser Kind braucht uns nicht mehr so wie früher.

Es trifft eigene Entscheidungen. Es gestaltet seinen Alltag selbst. Es sucht sich einen Beruf oder ein Studium aus, zieht vielleicht in eine andere Stadt oder lebt auf eine Weise, die wir uns für unser Kind ganz anders vorgestellt haben. Eigentlich ist genau das das Ziel von Erziehung.

Wir möchten, dass unsere Kinder selbstständig werden. Dass sie ihren eigenen Weg finden und ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Und trotzdem kann es weh tun.

Besonders dann, wenn wir das Gefühl haben, dass unser erwachsenes Kind Entscheidungen trifft, die wir nicht verstehen. Wenn wir uns Sorgen machen. Wenn wir helfen möchten und unsere Hilfe nicht gewünscht ist. Oder wenn wir zusehen müssen, wie unser Kind Umwege geht, Fehler macht oder Erfahrungen sammelt, die wir ihm gerne ersparen würden.

Loslassen klingt so einfach

Aber was bedeutet es eigentlich, das eigene Kind loszulassen? Was bedeutet es, was tun wir, Wenn Loslassen wehtut? Loslassen bedeutet nicht, dass einem alles egal wird. Vielleicht ist das eine der größten Schwierigkeiten. Viele Eltern kennen gut gemeinte Ratschläge wie:

„Du musst dein Kind eben loslassen.“ „Es ist doch erwachsen.“ „Das muss es selbst herausfinden.“

Natürlich ist an diesen Sätzen etwas Wahres. Ein erwachsener Mensch muss sein eigenes Leben gestalten. Er muss Entscheidungen treffen, Erfahrungen sammeln und manchmal auch feststellen, dass ein eingeschlagener Weg nicht der richtige war. Aber das bedeutet nicht, dass Eltern plötzlich keine Gefühle mehr haben. Eine Mutter hört nicht auf, sich Sorgen zu machen, nur weil ihr Kind 18, 25 oder 30 Jahre alt ist.

Man kann wissen, dass das Kind selbst entscheiden darf – und trotzdem nachts wach liegen. Du kannst verstehen, dass ein junger Mensch seinen eigenen Weg gehen muss, und dennoch denken: Warum gerade dieser Weg? Ich kann mir wünschen, dass das Kind glücklich ist, und gleichzeitig Angst haben, dass es sich gerade in eine Richtung entwickelt, die ihm nicht guttut.

Siehe auch Teil 1 dieser Reihe unter Wenn Kinder gehen (Teil 1)

Loslassen bedeutet nicht Gleichgültigkeit

Vielleicht bedeutet es eher, die eigenen Gefühle auszuhalten, ohne sofort etwas tun zu müssen. Und genau das kann unglaublich schwer sein. Früher konnten wir vieles einfach lösen. Als die Kinder klein waren, war unsere Aufgabe klar. Wir mussten entscheiden. Wir haben dafür gesorgt, dass sie etwas zu essen hatten, haben Arzttermine vereinbart, bei Hausaufgaben geholfen, Streit geschlichtet, getröstet und geschützt. Natürlich konnten wir nicht jedes Problem lösen. Aber wir konnten meistens etwas tun.

Das verändert sich, wenn die Kinder erwachsen werden.

Plötzlich erzählt die Tochter vielleicht von Problemen im Studium. Der Sohn ist unglücklich in seiner Ausbildung. Eine Beziehung geht in die Brüche. Geld ist knapp. Vielleicht gibt es Schwierigkeiten mit der Wohnung oder am Arbeitsplatz. Und sofort ist der alte Impuls wieder da:

Was können wir tun?

Doch manchmal lautet die Antwort:

Nichts.

Zumindest nichts, was das Problem für unser Kind verschwinden lässt. Wir können zuhören. Wir können nach unserer Meinung gefragt werden. Wir können vielleicht praktisch oder finanziell helfen. Aber wir können nicht mehr entscheiden. Und wir können nicht mehr jeden Schmerz von unseren Kindern fernhalten. Diese Erkenntnis kann sehr schmerzhaft sein.

Wenn wir den Weg des Kindes nicht verstehen

Besonders schwierig wird es, wenn das erwachsene Kind Entscheidungen trifft, die wir selbst nicht getroffen hätten. Vielleicht wird ein Studium abgebrochen. Oder es wird die Ausbildung gewechselt. Und das Kind zieht um, obwohl wir glauben, dass es dort keine guten Möglichkeiten hat. Vielleicht möchte es einen Beruf ergreifen, den wir für unsicher halten. Oder es scheint einfach nicht zu wissen, was es eigentlich möchte.

Gerade Eltern wünschen sich oft Sicherheit für ihre Kinder. Wir möchten, dass sie etwas finden, das zu ihnen passt. Dass sie finanziell zurechtkommen. Dass sie gute Menschen um sich haben. Dass sie nicht ausgenutzt oder verletzt werden. Aber manchmal verwechseln wir dabei unbewusst zwei Dinge:

Wir möchten, dass es unserem Kind gut geht.

UND

Wir möchten, dass unser Kind die Entscheidungen trifft, die wir für richtig halten.

Das ist jedoch nicht dasselbe.

Vielleicht muss ein Studium abgebrochen werden, damit der junge Mensch später etwas findet, das wirklich passt. Vielleicht ist ein Umweg notwendig. Es muss eine falsche Entscheidung erst einmal selbst erlebt werden, bevor man weiß, was man eigentlich möchte. Wir können unseren Kindern nicht jede Erfahrung abnehmen. So schwer es auch ist.

Die Sorge bleibt – aber unsere Rolle verändert sich

Vielleicht besteht eine wichtige Aufgabe darin, zwischen Sorge und Verantwortung zu unterscheiden. Wir dürfen uns Sorgen machen. Aber wir tragen nicht mehr die Verantwortung für das Leben unseres erwachsenen Kindes. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn unser Kind klein ist, müssen wir Verantwortung übernehmen. Wenn es erwachsen ist, müssen wir lernen, Verantwortung wieder abzugeben. Das geschieht nicht von heute auf morgen.

Und manchmal fällt es besonders schwer, wenn das Kind noch nicht vollständig selbstständig ist. Vielleicht studiert es noch und braucht finanzielle Unterstützung. Oder lebt zeitweise wieder zu Hause. Bittet regelmäßig um Hilfe. Dann entsteht leicht eine schwierige Situation.

Die Eltern unterstützen noch, aber gleichzeitig möchte das erwachsene Kind selbst bestimmen.

Wenn Loslassen wehtut – Das kann auf beiden Seiten zu Konflikten führen.

Die Eltern denken vielleicht: „Wenn wir schon so viel helfen, möchten wir wenigstens wissen, was los ist.“
Das Kind denkt vielleicht: „Ich brauche Unterstützung, aber ich möchte trotzdem selbst entscheiden.“

Beides ist nachvollziehbar. Gerade deshalb braucht es Gespräche darüber, was Hilfe eigentlich bedeutet.

Was können und möchten die Eltern leisten?

Wo liegen ihre Grenzen? Und wo beginnt die Verantwortung des erwachsenen Kindes? Nicht jede Unterstützung muss an Bedingungen geknüpft sein. Aber manchmal hilft es, offen darüber zu sprechen, was beide Seiten erwarten.

Denn unausgesprochene Erwartungen führen oft zu Enttäuschungen. Auch das kann Probleme mit sich bringen, wenn eine Seite nicht offen darüber kummoniziert.

Wenn das Kind weniger erzählt

Eine weitere Schwierigkeit kann die veränderte Kommunikation sein. Früher wussten wir vieles. Wir haben unsere Kinder jeden Tag gesehen. Wir merkten, wenn etwas nicht stimmte. Wir kannten ihre Freunde, ihre Sorgen und ihre Pläne. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich auch das. Ein Kind kommt mit jedem Problem und viel Gesprächsbedarf, ein anderes erzählt vielleicht weniger.

Es antwortet nicht sofort auf Nachrichten. Es meldet sich seltener. Manchmal erfährt man wichtige Dinge erst später oder vielleicht sogar über andere Menschen. Das kann verletzend sein. Vor allem dann, wenn die Beziehung früher sehr eng war.

Aber auch hier bedeutet weniger Information nicht automatisch weniger Verbundenheit. Manche junge Erwachsene brauchen eine Zeit lang mehr Abstand, um sich selbst zu finden. Sie möchten Dinge erst einmal mit sich selbst ausmachen. Sie möchten nicht sofort die Meinung der Eltern hören. Vielleicht gerade deshalb, weil diese Meinung ihnen wichtig ist. Das kann für Eltern schwer auszuhalten sein.

Manchmal hilft es, sich selbst zu fragen: Möchte mein Kind gerade wirklich Abstand von mir – oder braucht es einfach mehr Raum für sein eigenes Leben? Das ist nicht immer dasselbe.

Hilfe anbieten, ohne sich aufzudrängen

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Übungen im Umgang mit erwachsenen Kindern. Da sein, ohne ständig nachzufragen. Hilfe anbieten, ohne sich aufzudrängen. Eine Meinung haben, ohne sie unbedingt durchsetzen zu wollen. Das bedeutet nicht, dass Eltern alles gutheißen müssen. Natürlich darf man eine andere Meinung haben. Natürlich darf man auch sagen, wenn man etwas kritisch sieht.

Aber vielleicht verändert sich die Art, wie wir miteinander sprechen.

Statt: „Du musst unbedingt …“ könnte es heißen: „Ich sehe das etwas anders. Möchtest du wissen, wie ich darüber denke?“ Statt sofort Lösungen anzubieten, könnte man fragen: „Möchtest du gerade einen Rat – oder möchtest du einfach nur erzählen?“ Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Aber manchmal verändert es ein Gespräch deutlich.

Denn erwachsene Kinder möchten häufig ernst genommen werden. Auch dann, wenn ihre Eltern ihre Entscheidungen nicht für richtig halten.

Loslassen kann auch bedeuten, Vertrauen zu lernen

Vielleicht ist Loslassen letztlich eine Form von Vertrauen. Nicht blindes Vertrauen. Und auch nicht die Vorstellung, dass schon immer alles gut gehen wird. Sondern das Vertrauen, dass der eigene Sohn oder die eigene Tochter Erfahrungen machen und daraus lernen kann.

Dass ein Umweg nicht das Ende bedeutet. Dass ein Fehler nicht das ganze Leben bestimmt. Und dass wir nicht jede Schwierigkeit verhindern müssen, damit es unseren Kindern gut gehen kann. Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Besonders für Eltern, die über viele Jahre daran gewöhnt waren, aufmerksam zu sein, vorauszudenken und Probleme möglichst früh zu erkennen.

Doch irgendwann verändert sich die Aufgabe. Wir müssen nicht mehr vor jedem Hindernis warnen. Wir dürfen manchmal einfach abwarten. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass unser Kind sich meldet, wenn es wirklich Unterstützung braucht.

Und wenn Loslassen besonders schwerfällt?

Manchmal merken Eltern, dass sie trotz aller guten Vorsätze nicht zur Ruhe kommen. Die Gedanken kreisen ständig um das Kind. Jede Nachricht wird genau gedeutet. Wenn das Telefon nicht klingelt, entstehen sofort Sorgen. Man fragt sich immer wieder, ob man etwas falsch gemacht hat oder ob man jetzt etwas tun müsste. Dann lohnt es sich, auch auf das eigene Leben zu schauen. Denn manchmal ist die Sorge um das Kind nicht nur Sorge. Manchmal verbirgt sich dahinter auch die Angst vor der eigenen Veränderung.

Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr ständig gebraucht werde? Wer bin ich außerhalb meiner Rolle als Mutter oder Vater? Diese Fragen können unbequem sein. Aber sie können auch der Beginn von etwas Neuem sein.

Das eigene Leben wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet nicht, die Kinder weniger zu lieben. Im Gegenteil. Vielleicht wird es dadurch sogar leichter, ihnen wirklich den Raum zu geben, den sie brauchen.

Wir lieben unsere Kinder. Und machen uns manchmal Sorgen. Aber wir dürfen gleichzeitig lernen, dass ihr Leben ihnen gehört. Und dass auch unser eigenes Leben weitergeht. Nicht trotz unserer Kinder. Sondern neben ihnen. Auch – teilweise – mit ihnen. Ihren Weg begleiten.

Vielleicht ist das die neue Form von Nähe, die mit dem Erwachsenwerden beginnt:

Ich bin da, wenn du mich brauchst. Aber ich muss nicht mehr jeden deiner Schritte mitgehen. Das Loslassen wird dadurch nicht immer leicht. Aber vielleicht wird es mit der Zeit etwas weniger schmerzhaft. Und vielleicht entdecken beide Seiten dabei etwas Neues: Eine Beziehung, die nicht mehr darauf beruht, dass einer den anderen braucht.

Sondern darauf, dass man sich trotz aller Veränderungen weiterhin verbunden fühlt.

Wenn Sie dieser Text anspricht oder sie dazu Gesprächsbedarf haben, können Sie mich gern kontektieren unter Kontakt. Ich biete ein kostenfreies Erstgepräch an und freue mich auf Sie!