Zwischen erwachsenen Kindern und alten Eltern. Verantwortung in zwei Richtungen

Teil 2 der Reihe „Zwischen allen Generationen“

Verantwortung in 2 Richtungen

Zwischen alten Eltern und erwachsenen Kindern

Es gibt Lebensphasen, in denen wir uns plötzlich in einer ungewohnten Rolle wiederfinden. Unsere Kinder sind erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Und brauchen uns im Alltag immer weniger. Gleichzeitig werden unsere Eltern älter. Vielleicht lässt ihre Kraft nach, sie werden vergesslicher oder benötigen zunehmend Unterstützung. Was früher selbstverständlich war, verändert sich. Und wir stehen mittendrin.

Viele Menschen zwischen 50 und 70 Jahren kennen diese Situation. Sie haben Verantwortung in zwei Richtungen. Sie möchten für ihre erwachsenen Kinder da sein, ihnen den Start ins eigene Leben erleichtern. Und ihnen auch in schwierigen Zeiten zur Seite stehen. Gleichzeitig wollen sie ihre Eltern nicht alleinlassen, wenn diese zunehmend auf Hilfe angewiesen sind. Dazwischen liegen oft der eigene Beruf, die Partnerschaft. Und Freundschaften und die ganz persönlichen Wünsche und Bedürfnisse.

So entsteht das Gefühl, in zwei Richtungen verantwortlich zu sein. Doch wie viel Verantwortung können und müssen wir tatsächlich übernehmen? Und wo bleiben wir selbst in diesem Gefüge?

Wenn die Kinder erwachsen sind, aber noch Unterstützung brauchen

Erwachsene Kinder sind nicht automatisch unabhängig, nur weil sie volljährig sind oder das Elternhaus verlassen haben. Ausbildung, Studium, die erste eigene Wohnung oder der Einstieg ins Berufsleben sind wichtig. Sie können mit finanziellen Sorgen und persönlichen Schwierigkeiten verbunden sein. Manchmal dauert es länger als erwartet, bis ein junger Mensch seinen Platz im Leben findet.

Als Eltern möchten wir helfen. Wir freuen uns, wenn unsere Kinder uns vertrauen und mit ihren Sorgen zu uns kommen. Vielleicht unterstützen wir sie finanziell, hören ihnen zu. Oder helfen dabei, schwierige Entscheidungen zu durchdenken. Diese Nähe kann sehr wertvoll sein, auch wenn die Kinder längst erwachsen sind.

Gleichzeitig verändert sich unsere Aufgabe. Wir müssen nicht mehr alles regeln, was unsere Kinder beschäftigt. Sie dürfen eigene Entscheidungen treffen, Fehler machen und ihren persönlichen Weg finden. Das kann bedeuten, dass wir manchmal zusehen müssen, obwohl wir glauben, es besser zu wissen. Oder dass wir aushalten müssen, wenn unsere Ratschläge nicht gefragt sind.

Unterstützung bedeutet deshalb nicht, jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Manchmal ist es hilfreicher, zuzuhören, Vertrauen zu zeigen und darauf zu verzichten, sofort eine Lösung anzubieten. Erwachsene Kinder brauchen nicht unbedingt Eltern, die alles richten. Sie brauchen Eltern, bei denen sie sich angenommen fühlen und zu denen sie auch dann kommen können, wenn etwas nicht gelingt.

Das heißt allerdings nicht, dass wir keine Grenzen setzen dürfen. Wer selbst wenig Geld, Zeit oder Kraft hat, kann nicht unbegrenzt unterstützen. Liebe lässt sich nicht daran messen, wie viel wir geben oder wie oft wir einspringen.

Wenn die eigenen Eltern älter werden

Während unsere Kinder Schritt für Schritt mehr Selbstständigkeit gewinnen, erleben wir bei unseren Eltern häufig die entgegengesetzte Entwicklung. Was früher selbstverständlich war, fällt ihnen zunehmend schwer. Einkäufe, Arztbesuche, der Haushalt. Oder die Pflege des eigenen Gartens. Alle Aufgaben werden zu Herausforderungen. Vielleicht kommen Krankheiten hinzu, vielleicht lässt das Gedächtnis nach. Manchmal verändert sich das Leben auch ganz plötzlich durch einen Sturz oder einen Krankenhausaufenthalt.

Für viele Menschen ist es schwer, diese Veränderungen bei den eigenen Eltern zu beobachten. Wir erinnern uns an die Menschen, die uns großgezogen haben. Die für uns da waren und unser Leben geprägt haben. Nun benötigen sie selbst Unterstützung.

Dabei ist das Verhältnis zu den Eltern nicht immer einfach. Es gibt Familien, in denen viel Nähe und Vertrauen gewachsen sind. In anderen bestehen alte Verletzungen, ungelöste Konflikte oder eine große emotionale Distanz. Manche Menschen fühlen sich ihren Eltern sehr verbunden. Andere erleben die zunehmende Verantwortung eher als Pflicht. Oft gibt es von allem etwas.

Wenn Eltern Hilfe brauchen, können deshalb ganz unterschiedliche Gefühle entstehen. Zuneigung, Sorge, Dankbarkeit, Ungeduld, Traurigkeit oder auch Ärger. Vielleicht haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir nicht häufiger vorbeikommen. Vielleicht fühlen wir uns überfordert, weil immer mehr Aufgaben bei uns landen. Solche Gefühle machen uns nicht zu schlechten Kindern. Sie zeigen vielmehr, dass eine anspruchsvolle Lebensphase viele Seiten hat.

Fürsorge bedeutet auch hier nicht, alles allein übernehmen zu müssen. Es gibt ambulante Hilfen, Beratungsstellen, Pflegeangebote und andere Angehörige, die Aufgaben mittragen können. Manchmal besteht die wichtigste Hilfe darin, gemeinsam herauszufinden, was noch selbstständig möglich ist und wo Unterstützung gebraucht wird.

Zwischen beiden Generationen – und den eigenen Bedürfnissen

Besonders schwierig wird es, wenn beide Richtungen gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen. Das erwachsene Kind steckt in einer Krise, während die Mutter einen Arzttermin braucht. Der Vater kann nicht mehr allein zurechtkommen, während die Tochter dringend Unterstützung bei einer wichtigen Entscheidung sucht. Dazu kommen berufliche Verpflichtungen, der eigene Haushalt und vielleicht gesundheitliche Belastungen.

Dann entsteht schnell das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden. Für die eine Seite fehlt die Zeit, für die andere die Kraft. Und selbst wenn wir viel leisten, bleibt häufig der Eindruck, es hätte noch mehr sein müssen.

Gerade Menschen, die es gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, geraten dabei leicht in eine Falle. Sie sehen, was getan werden muss, und erledigen es. Sie organisieren, fahren, telefonieren, kümmern sich und behalten den Überblick. Weil sie vieles gut bewältigen, fällt anderen vielleicht gar nicht auf, wie anstrengend das geworden ist.

Doch auch wer stark und zuverlässig ist, hat Grenzen. Wenn wir diese dauerhaft übergehen, kann aus Fürsorge Erschöpfung werden. Wir reagieren gereizter, schlafen schlechter oder haben das Gefühl, nur noch zu funktionieren. Dinge, die uns früher Freude gemacht haben, werden zu weiteren Punkten auf einer langen Aufgabenliste.

Deshalb ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn gar nichts mehr geht. Erholung, Bewegung, Musik, Freundschaften oder einfach ein freier Nachmittag sind keine überflüssigen Extras. Sie gehören zu einem Leben, das nicht nur aus Pflichten bestehen soll.

Verantwortung übernehmen, ohne alles tragen zu müssen

Siehe dazu auch den ersten Beitrag dieser Reihe Zwischen allen Generationen

Aber wie gelingt das im Alltag? Ein erster Schritt besteht darin, zwischen dem zu unterscheiden. Was ist wirklich notwendig ,und dem, was wir aus Gewohnheit oder schlechtem Gewissen übernehmen.

Vielleicht muss nicht jeder Wunsch sofort erfüllt werden. Vielleicht kann ein Besuch auch kürzer ausfallen oder ein Telefonat auf den nächsten Tag verschoben werden. Oder es lässt sich eine Aufgabe teilen. Eine professionelle Hilfe einbeziehen oder offen darüber sprechen, was gerade nicht möglich ist.

Hilfreich ist auch, die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Erwachsene Kinder dürfen eigene Entscheidungen treffen. Alte Eltern dürfen, soweit es ihre Möglichkeiten erlauben, weiterhin selbst bestimmen, wie sie leben möchten. Und wir selbst dürfen entscheiden, welche Unterstützung wir leisten können, ohne unsere eigene Gesundheit und Lebensqualität dauerhaft zu gefährden.

Das bedeutet nicht, Menschen im Stich zu lassen. Es bedeutet, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, statt stillschweigend alles auf die eigenen Schultern zu laden. Manchmal braucht es dafür klare Worte. Manchmal auch die Bereitschaft, auszuhalten, dass andere mit einer Grenze zunächst unzufrieden sind.

Nicht jede Schwierigkeit lässt sich lösen, und nicht jede Verantwortung kann gerecht verteilt werden. Es gibt Situationen, in denen wir tatsächlich mehr leisten müssen, als uns lieb ist. Umso wichtiger ist es, Unterstützung zu suchen und anzunehmen, bevor die eigenen Kräfte erschöpft sind.

Und wo bleiben wir selbst?

Vielleicht ist dies die wichtigste Frage in dieser Lebensphase. Wir sind weiterhin Eltern, nun aber auf eine andere Weise. Wir sind Kinder unserer Eltern, auch wenn wir selbst längst erwachsen sind. Und wir sind Menschen mit eigenen Wünschen, Hoffnungen und Grenzen.

Wir dürfen unsere Beziehungen pflegen, ohne uns vollständig für andere verantwortlich zu fühlen. Auch dürfen wir helfen, ohne jede Schwierigkeit lösen zu müssen. Oder dürfen Nein sagen, ohne deshalb weniger zu lieben. Und wir dürfen unser eigenes Leben wichtig nehmen. Auch wenn Menschen, die uns nahestehen, Unterstützung brauchen.

Das ist nicht immer leicht. Alte Vorstellungen von Pflicht, Dankbarkeit und Verantwortung können tief in uns verankert sein. Vielleicht haben wir gelernt, dass wir erst dann zufrieden sein dürfen, wenn es allen anderen gut geht. Doch ein solches Ziel ist kaum zu erreichen.

Es geht nicht darum, weniger verbunden zu sein

Es geht darum, Verbundenheit so zu gestalten, dass auch wir darin Platz haben.

Denn Verantwortung in zwei Richtungen darf nicht bedeuten, sich selbst dazwischen zu verlieren. Wir können für unsere Kinder da sein und unsere Eltern unterstützen. Aber wir müssen nicht alles allein schaffen. Manchmal beginnt gute Fürsorge genau dort, wo wir anerkennen, dass auch wir Unterstützung, Ruhe und Zuwendung brauchen.

Denn wir gehören ebenfalls zu den Menschen, für die wir Verantwortung tragen.

Wenn Sie diese Themen ansprechen, können Sie mich gern hier Kontakt ansprechen. Ich biete einen kostenfreien Ersttermin an zum Kennenlernen. Zu den Themen dieser Reihe kann ich aus eigener Erfahrung in meiner Famlilie schöpfen. Ich freue mich auf Sie.