Wir bleiben Eltern – nur anders
Wenn Kinder erwachsen werden, verändert sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Manchmal geschieht das langsam und fast unbemerkt. Manchmal gibt es einen deutlichen Einschnitt: Das Kind zieht aus, beginnt ein Studium oder eine Ausbildung, geht in eine andere Stadt oder baut sich ein eigenes Leben auf. Und doch denken wir „Wir bleiben Eltern“.
Übergang
Und manchmal ist dieser Übergang alles andere als einfach.
Vielleicht gab es schon vorher Schwierigkeiten. Vielleicht ist die Kommunikation komplizierter geworden. Vielleicht weiß man als Mutter oder Vater nicht mehr so recht, wie viel Nähe richtig ist und wann man sich besser zurückhält. Vielleicht braucht das erwachsene Kind noch finanzielle Unterstützung, obwohl es längst nicht mehr zu Hause lebt. Oder es hat seinen eigenen Weg noch nicht gefunden und braucht länger als erwartet, bis es wirklich auf eigenen Füßen steht.
Dann kann die Ablösung viele Jahre dauern. Und irgendwann stellt sich die Frage: Wie kann unsere Beziehung weitergehen, wenn mein Kind mich nicht mehr so braucht wie früher?
Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe dieser Lebensphase. Nicht, die Beziehung loszulassen. Sondern die alte Form der Beziehung.
Wir können nicht mehr alles für unsere Kinder tun
Als die Kinder klein waren, war unsere Rolle ziemlich eindeutig. Wir haben sie versorgt, beschützt, getröstet und Entscheidungen für sie getroffen. Wir wussten, wann sie zum Arzt mussten, wann die nächste Klassenarbeit anstand und ob sie genügend gegessen hatten. Natürlich konnten wir auch damals nicht jedes Problem lösen. Aber wir hatten eine Aufgabe und eine Verantwortung, die uns sehr klar vorgegeben war. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich das.
Unser Kind entscheidet selbst, welchen Beruf es ergreift, mit wem es zusammenlebt, wo es wohnt und welchen Weg es einschlägt. Vielleicht sind wir mit manchen Entscheidungen einverstanden. Vielleicht verstehen wir andere überhaupt nicht.
Aber wir können nicht mehr für unser Kind entscheiden. Und manchmal müssen wir sogar zusehen, wie es Entscheidungen trifft, von denen wir glauben, dass sie ihm Schwierigkeiten bereiten werden. Das kann sehr schwer sein.
Denn die Liebe bleibt. Die Sorge bleibt. Und der Wunsch, das eigene Kind zu schützen, verschwindet nicht einfach mit dem 18. Geburtstag. Was sich verändern muss, ist unsere Rolle. Wir können weiterhin da sein. Aber wir können nicht mehr alles übernehmen.
Von der Verantwortung zur Begleitung
Vielleicht lässt sich die Veränderung am besten mit einem einfachen Bild beschreiben. Früher sind wir ein Stück weit mit unseren Kindern gegangen und haben ihnen den Weg gezeigt.
Später gehen sie selbst. Wir können ihnen vielleicht noch eine Taschenlampe geben, wenn es dunkel wird. Wir können zuhören, wenn sie von ihrem Weg erzählen. Wir können unsere Erfahrungen weitergeben, wenn sie danach fragen.
Aber wir können nicht mehr bestimmen, wohin sie gehen. Das kann sich zunächst nach einem Verlust anfühlen. Vielleicht war es früher selbstverständlich, gebraucht zu werden. Heute kommt vielleicht nur noch eine Nachricht mit einer konkreten Frage. Oder das Kind meldet sich wochenlang kaum und erzählt dann plötzlich von einer wichtigen Entscheidung, einem Problem.
Manchmal ist das schwer auszuhalten. Aber weniger gebraucht zu werden bedeutet nicht automatisch, weniger geliebt zu werden. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Eine andere Form von Nähe
Vielleicht verändert sich auch die Bedeutung von Nähe. Als die Kinder klein waren, bedeutete Nähe, dass man viel Zeit miteinander verbrachte. Man lebte zusammen, teilte den Alltag und bekam vieles voneinander mit. Im Erwachsenenalter kann Nähe anders aussehen.
Vielleicht telefoniert man einmal in der Woche. Vielleicht sieht man sich nur alle paar Wochen. Vielleicht schreibt man sich zwischendurch kurze Nachrichten. Vielleicht gibt es gemeinsame Unternehmungen, bei denen man feststellt, dass man sich inzwischen über ganz andere Dinge unterhalten kann als früher.
Die Beziehung muss nicht mehr davon leben, dass man alles voneinander weiß. Manchmal kann gerade ein bisschen Abstand gut tun. Denn wenn ein erwachsenes Kind seinen eigenen Alltag hat, entsteht die Möglichkeit, sich auch als eigenständige Menschen neu zu begegnen. Nicht mehr nur als Mutter und Kind. Sondern als zwei Menschen mit eigenen Vorstellungen, Erfahrungen und Lebenswegen.
Wenn wir nicht alles gutheißen können
Eine neue Beziehung bedeutet allerdings nicht, dass Eltern jede Entscheidung des erwachsenen Kindes gutheißen müssen. Natürlich dürfen wir anderer Meinung sein. Wir dürfen uns Sorgen machen. Wir dürfen sagen, wenn wir etwas für schwierig oder riskant halten. Aber vielleicht verändert sich die Art, wie wir damit umgehen. Es ist ein Unterschied, ob ich sage: „Das solltest du auf keinen Fall machen.“
oder:
„Ich sehe das anders und mache mir Gedanken darüber. Wenn du möchtest, erzähle ich dir, warum.“ Das erwachsene Kind darf dann selbst entscheiden. Das ist manchmal schwer. Denn wir haben über viele Jahre gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Jetzt müssen wir lernen, Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht mehr kümmern dürfen. Es bedeutet vielmehr, dass wir nicht mehr automatisch für die Folgen der Entscheidungen unseres Kindes verantwortlich sind.
Und wenn das Kind noch Unterstützung braucht?
Ablösung bedeutet auch nicht, dass mit dem Auszug plötzlich alle Verbindungen gekappt werden. Viele junge Erwachsene brauchen noch über längere Zeit Unterstützung. Das kann finanzielle Gründe haben, weil Studium oder Ausbildung noch kein ausreichendes eigenes Einkommen ermöglichen. Es kann auch sein, dass ein Ausbildungsweg länger dauert, gewechselt wird oder eine schwierige Lebensphase dazwischenkommt.
Dann ist das erwachsene Kind vielleicht längst ausgezogen und organisiert seinen Alltag selbst – und trotzdem überweisen die Eltern jeden Monat Geld. Auch das kann Teil einer gelungenen Ablösung sein. Denn finanzielle Unterstützung bedeutet nicht automatisch, dass Eltern das Leben ihres erwachsenen Kindes bestimmen müssen.
Gleichzeitig dürfen auch die Eltern ihre eigenen Grenzen haben. Sie dürfen sagen, was sie leisten können und was nicht. Sie dürfen ihre eigene finanzielle Situation berücksichtigen. Und sie dürfen darauf achten, dass Unterstützung nicht dazu führt, dass sie selbst dauerhaft über ihre Kräfte gehen.
Auch das gehört zu einer erwachsenen Beziehung: Beide Seiten dürfen Bedürfnisse und Grenzen haben.
Die eigene Rolle neu finden
Vielleicht ist eine der größten Veränderungen für Eltern, dass sie nicht nur die Beziehung zum Kind neu gestalten müssen. Sie müssen auch ihre eigene Rolle neu finden. Wenn die Kinder weniger Zeit und Aufmerksamkeit brauchen, entsteht plötzlich Raum. Dieser Raum kann befreiend sein. Er kann aber auch leer wirken.
Vielleicht haben wir uns jahrelang sehr stark über unsere Aufgabe als Mutter definiert. Vielleicht haben wir vieles auf später verschoben. Vielleicht haben wir irgendwann gemerkt, dass wir gar nicht mehr genau wissen, was uns selbst eigentlich Freude macht. Dann kann die Ablösung der Kinder eine Einladung sein, wieder stärker auf das eigene Leben zu schauen.
Was möchte ich noch erleben?
Was interessiert mich?
Was habe ich lange nicht mehr gemacht?
Was tut mir gut?
Mit wem möchte ich mehr Zeit verbringen?
Vielleicht beginnt an dieser Stelle etwas Neues. Nicht anstelle der Kinder. Sondern zusätzlich zu ihnen.
Auch die Kinder dürfen erleben, dass wir ein eigenes Leben haben
Manchmal denken Eltern, sie müssten für ihre erwachsenen Kinder jederzeit verfügbar sein. Aber vielleicht ist es auch für die Kinder gut zu sehen, dass ihre Eltern eigene Interessen und Pläne haben. Dass die Mutter nicht sofort alles stehen und liegen lässt. Dass der Vater nicht jedes Problem lösen muss. Dass beide auch ohne die Kinder einen erfüllten Alltag haben.
Das kann sogar entlastend sein. Denn dann entsteht weniger das Gefühl, für das Glück der Eltern verantwortlich zu sein. Ein erwachsenes Kind darf wissen:
Meine Eltern lieben mich. Aber ihr Leben hängt nicht davon ab, dass ich ständig bei ihnen bin. Das kann beiden Seiten Freiheit geben.
Loslassen heißt nicht, die Verbindung aufzugeben
Vielleicht war deshalb der Begriff „Loslassen“ von Anfang an etwas missverständlich. Denn wenn wir an Loslassen denken, klingt es schnell nach Abschied. Als müssten wir etwas weggeben oder aufhören, uns zu kümmern. Aber vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht bedeutet Loslassen vielmehr, die Hände etwas zu öffnen.
Nicht mehr festhalten. Nicht mehr alles kontrollieren. Nicht mehr jede Entscheidung begleiten. Und trotzdem verbunden bleiben. Man kann jemanden loslassen und gleichzeitig lieben. Man kann akzeptieren, dass ein anderer Mensch einen eigenen Weg geht, und trotzdem hoffen, dass es ihm gut geht. Man kann sich Sorgen machen, ohne sofort handeln zu müssen. Und man kann da sein, wenn man gebraucht wird, ohne ständig gebraucht werden zu müssen.
Die Beziehung darf sich verändern
Vielleicht müssen wir uns deshalb irgendwann von einer bestimmten Vorstellung verabschieden: von der Vorstellung, dass unsere Kinder immer den Platz in unserem Leben einnehmen werden, den sie früher hatten. Das werden sie nicht. Und das ist auch gut so. Sie werden andere Menschen werden. Wir werden uns ebenfalls verändern. Die Beziehung wird vielleicht weniger eng im Alltag, aber bewusster. Weniger von Notwendigkeit bestimmt und mehr von freiwilliger Nähe.
Vielleicht telefoniert man nicht mehr jeden Tag, aber wenn man miteinander spricht, ist das Gespräch intensiver. Vielleicht braucht das Kind keinen Rat mehr, sondern einfach jemanden, der zuhört. Vielleicht kommt es nicht mehr regelmäßig nach Hause, sondern irgendwann mit einem eigenen Partner, einer eigenen Familie oder einfach mit vielen Geschichten aus seinem Leben.
Und vielleicht merkt man dann: Wir sind immer noch Familie. Nur auf eine andere Art.
Und vielleicht ist genau das das Ziel
Das Ziel der Ablösung ist nicht, dass Eltern und Kinder sich irgendwann nicht mehr brauchen. Das wäre vermutlich auch gar nicht möglich. Wir alle brauchen Menschen, denen wir vertrauen können. Auch Erwachsene brauchen manchmal Unterstützung, einen Rat, ein offenes Ohr oder einfach das Gefühl, dass jemand da ist. Aber die Art des Brauchens verändert sich. Aus Versorgung wird Unterstützung. Aus Entscheiden wird Vertrauen. Aus Aufpassen wird Interesse. Aus täglicher Nähe wird Verbundenheit. Und aus der Beziehung zwischen Eltern und Kind kann eine Beziehung zwischen zwei erwachsenen Menschen entstehen.
Das gelingt nicht immer sofort. Manchmal braucht es mehrere Anläufe. Manchmal gibt es Phasen von Nähe und Distanz. Manchmal müssen alte Konflikte erst verarbeitet werden. Und manchmal bleibt eine Beziehung auch schwierig.
Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt, an dem die Ablösung abgeschlossen ist. Vielleicht muss sie das auch gar nicht sein. Denn Kinder bleiben unsere Kinder. Aber sie werden gleichzeitig Menschen mit einem eigenen Leben.
Und wir bleiben ihre Eltern – nur anders
Vielleicht ist das am Ende die schönste Form des Loslassens:
Nicht weniger Liebe, sondern mehr Freiheit. Freiheit für die Kinder, ihren eigenen Weg zu gehen. Und Freiheit für die Eltern, wieder stärker ihren eigenen Weg zu gehen. Und dazwischen eine Verbindung, die nicht mehr davon abhängig ist, dass einer den anderen braucht. Sondern davon, dass man sich auch als erwachsene Menschen immer wieder füreinander entscheidet.
Und wenn Sie dieses Thema interessiert, zu einem Gespräch, zu einer Begleitung besonderer Lebensumstände, sprechen Sie mich gern an unter Kontakt. Ich biete ein kostenfreies Erstgespräch an und bin neugierig auf Sie, mit einem offenen Ohr und offenem Herzen.
